SYSTEMATLAS · PFLEGE · BEREICH 04
Pflege als System
Wie sich Pflegebedarf, Ausgaben, Personal und Finanzierung entwickeln – und wo die großen Zukunftsfragen liegen.
FRAGEN & ANTWORTEN
04 · Pflege als System
Wie sich Pflegebedarf, Ausgaben, Personal und Finanzierung entwickeln – und wo die großen Schnittstellen und Zukunftsfragen liegen.
29Wie viele Menschen sind pflegebedürftig – und warum werden es mehr?
Ende 2023 waren in Deutschland 5,69 Millionen Menschen pflegebedürftig. 1999 waren es rund 2,02 Millionen.
Die Zahl steigt nicht nur, weil Deutschland älter wird. Zwischen 2021 und 2023 nahm sie um rund 730.000 zu. Destatis hatte allein aufgrund der demografischen Entwicklung für diesen Zeitraum nur einen deutlich kleineren Zuwachs erwartet.
Ein Teil des Anstiegs hängt damit zusammen, dass seit 2017 ein weiter gefasster Pflegebedürftigkeitsbegriff gilt. Seitdem werden körperliche, kognitive und psychische Beeinträchtigungen umfassender berücksichtigt.
Kurz gesagt: Mehr ältere Menschen erhöhen langfristig den Pflegebedarf – aber auch die veränderte Erfassung von Pflegebedürftigkeit beeinflusst die Zahl.
Quelle: Destatis: Pflegebedürftige 2023
30Wie viel Geld geben wir für Pflege aus?
2024 wurden in Deutschland rund 135,9 Milliarden Euro für pflegerische Leistungen ausgegeben. Das entsprach etwa einem Viertel aller Gesundheitsausgaben und war damit der größte einzelne Leistungsbereich.
2014 waren es noch rund 65 Milliarden Euro. Die Ausgaben für pflegerische Leistungen haben sich damit innerhalb eines Jahrzehnts nominal mehr als verdoppelt.
Wichtig: 135,9 Milliarden Euro pflegerische Leistungen sind nicht gleichbedeutend mit den Ausgaben der sozialen Pflegeversicherung. In der Gesundheitsausgabenrechnung werden pflegerische Leistungen unterschiedlicher Einrichtungen und Finanzierungsträger zusammen betrachtet.
31Warum steigen die Pflegeausgaben so stark?
Es gibt nicht den einen Kostentreiber. Mehrere Entwicklungen wirken gleichzeitig:
Von 2023 auf 2024 stiegen die Ausgaben für pflegerische Leistungen nach Destatis um rund 11,6 %. Genannt werden unter anderem gestiegene Pflegepersonalkosten und höhere Pflegegeldzahlungen.
Steigende Pflegeausgaben sind deshalb nicht automatisch steigende Verschwendung. Sie können zugleich Ausdruck höherer Löhne, ausgeweiteter Leistungen und eines größeren anerkannten Pflegebedarfs sein.
32Hat die Pflegeversicherung ein Finanzierungsproblem?
Ja – die soziale Pflegeversicherung steht unter erheblichem Finanzierungsdruck.
Der Beitragssatz wurde zum 1. Januar 2025 auf 3,6 % angehoben. Gleichzeitig steigen die Leistungsausgaben weiter. Für 2026 ist zusätzlich ein zinsloses Bundesdarlehen vorgesehen, um die Zahlungsfähigkeit kurzfristig zu stabilisieren.
Ein Darlehen löst ein strukturelles Problem nicht. Es verschafft zunächst Zeit – die langfristige Frage bleibt, wie Einnahmen und Ausgaben wieder dauerhaft zusammenpassen.
33Fehlen wirklich Pflegekräfte?
Der Bedarf an professionellen Pflegekräften wird voraussichtlich deutlich steigen. Destatis modelliert für 2049 einen Bedarf von rund 2,15 Millionen Pflegekräften gegenüber 1,62 Millionen im Ausgangsjahr 2019.
Je nachdem, wie sich Berufseintritte, Berufsaustritte und Erwerbsbeteiligung entwickeln, ergibt sich in den Modellrechnungen für 2049 eine rechnerische Lücke von etwa 280.000 bis 690.000 Pflegekräften.
Das sind Modellrechnungen, keine sicheren Vorhersagen. Sie zeigen aber, wie stark das System unter Druck geraten kann, wenn gleichzeitig mehr Pflege benötigt wird und viele Beschäftigte altersbedingt aus dem Beruf ausscheiden.
34Welche Rolle spielen pflegende Angehörige für die Zukunft des Systems?
Eine sehr große. Rund zwei Drittel aller Pflegebedürftigen werden überwiegend durch Angehörige zu Hause betreut.
Wenn die Zahl der Pflegebedürftigen steigt und zugleich professionelle Pflegekräfte knapp sind, wird deshalb eine zentrale Systemfrage immer wichtiger: Wie viel zusätzliche Pflege können Familien überhaupt noch übernehmen?
Die Belastung betrifft nicht nur Zeit und Gesundheit. Pflege kann Erwerbsarbeit einschränken, Einkommen mindern und langfristig die soziale Absicherung beeinflussen. Frauen übernehmen Angehörigenpflege weiterhin besonders häufig.
„Zu Hause gepflegt“ bedeutet nicht automatisch „frei gewählt“. Die Zukunft des Pflegesystems hängt deshalb auch davon ab, wie gut pflegende Angehörige entlastet und sozial abgesichert werden.
Quellen: Destatis: häusliche Pflege · DIW: Angehörigenpflege und Erwerbsarbeit
35Was haben Pflege, Krankenhaus und Krankenversicherung miteinander zu tun?
Die Systeme sind getrennt organisiert – im Leben eines Menschen greifen sie aber oft unmittelbar ineinander.
Nach einem Krankenhausaufenthalt kann jemand weiterhin medizinische oder pflegerische Unterstützung benötigen oder erstmals pflegebedürftig geworden sein. Deshalb sind Krankenhäuser zum Entlassmanagement verpflichtet und sollen notwendige Anschlussversorgung frühzeitig organisieren.
Pflege nach einem Krankenhausaufenthalt bedeutet deshalb nicht automatisch Pflegeversicherung. Entscheidend ist, welche Art von Unterstützung benötigt wird und welcher Leistungsträger zuständig ist.
Vertiefung: Krankenhausversorgung und Finanzierung betrachten wir im Gesundheitsbereich gesondert.
Quelle: BMG: Entlassmanagement
36Kann Pflegebedürftigkeit verhindert oder hinausgezögert werden?
Zumindest teilweise. Deshalb gilt im Sozialrecht der Grundsatz, Rehabilitation und Prävention auch bei drohender oder bereits bestehender Pflegebedürftigkeit mitzudenken.
Rehabilitation kann helfen, Fähigkeiten wiederzugewinnen oder länger zu erhalten. Auch Sturzprävention, Wohnraumanpassung, Hilfsmittel, Bewegung, die Behandlung chronischer Erkrankungen und soziale Teilhabe können Selbstständigkeit unterstützen.
Bei der Pflegebegutachtung sollen deshalb auch Empfehlungen zu Prävention und Rehabilitation ausgesprochen werden.
Die Systemfrage lautet nicht nur: Wie finanzieren wir Pflege? Sondern auch: Wie können Menschen möglichst lange selbstständig bleiben?
Spätere Vertiefung: Prävention bekommt im Systematlas einen eigenen Gesundheitsbereich.
37Wie zukunftsfähig ist unser Pflegesystem?
Darauf gibt es keine seriöse Antwort mit einfachem Ja oder Nein.
Mehrere Belastungen wirken gleichzeitig:
mehr Pflegebedürftige → höhere Ausgaben → mehr Personalbedarf → Belastung der Angehörigen → Finanzierungsdruck
Deshalb arbeitet die Politik an einer Reform der Pflege. In der Bund-Länder-Arbeitsgruppe „Zukunftspakt Pflege“ werden unter anderem häusliche Pflege, Prävention und Rehabilitation, Eigenanteile, Versorgung im ländlichen Raum, Bürokratie, Digitalisierung sowie die Einnahmen- und Ausgabenseite der Pflegeversicherung betrachtet.
WichtigDiskutierte Reformoptionen sind nicht automatisch geltendes Recht. Der L.S. trennt deshalb IST-System, politische Vorschläge und tatsächlich beschlossene Änderungen.
Die zentrale Frage lautet: Wie lassen sich gute Pflege, finanzielle Tragfähigkeit, ausreichend Personal und die Belastungsgrenzen von Familien gleichzeitig berücksichtigen?
Quelle: BMG: Zukunftspakt Pflege