SYSTEMATLAS · PFLEGE · BEREICH 04

Pflege als System

Wie sich Pflegebedarf, Ausgaben, Personal und Finanzierung entwickeln – und wo die großen Zukunftsfragen liegen.

FRAGEN & ANTWORTEN

04 · Pflege als System

Wie sich Pflegebedarf, Ausgaben, Personal und Finanzierung entwickeln – und wo die großen Schnittstellen und Zukunftsfragen liegen.

33Wie viele Menschen sind pflegebedürftig – und warum werden es mehr?

Ende 2023 waren in Deutschland 5,69 Millionen Menschen pflegebedürftig. 1999 waren es rund 2,02 Millionen.

Die Zahl steigt nicht nur, weil Deutschland älter wird. Zwischen 2021 und 2023 nahm sie um rund 730.000 zu. Destatis hatte allein aufgrund der demografischen Entwicklung für diesen Zeitraum nur einen deutlich kleineren Zuwachs erwartet.

Ein Teil des Anstiegs hängt damit zusammen, dass seit 2017 ein weiter gefasster Pflegebedürftigkeitsbegriff gilt. Seitdem werden körperliche, kognitive und psychische Beeinträchtigungen umfassender berücksichtigt.

Kurz gesagt: Mehr ältere Menschen erhöhen langfristig den Pflegebedarf – aber auch die veränderte Erfassung von Pflegebedürftigkeit beeinflusst die Zahl.

Quelle: Destatis: Pflegebedürftige 2023

Stand der Zahlen: Die 5,69 Millionen beziehen sich auf Dezember 2023. Im Zusammenhang mit der Reform sprach die Bundesregierung im September 2026 von mehr als sechs Millionen Pflegebedürftigen. Für Vergleiche müssen Stichtag und statistische Abgrenzung berücksichtigt werden.

34Wie viel Geld geben wir für Pflege aus?

2024 wurden in Deutschland rund 135,9 Milliarden Euro für pflegerische Leistungen ausgegeben. Das entsprach etwa einem Viertel aller Gesundheitsausgaben und war damit der größte einzelne Leistungsbereich.

2014 waren es noch rund 65 Milliarden Euro. Die Ausgaben für pflegerische Leistungen haben sich damit innerhalb eines Jahrzehnts nominal mehr als verdoppelt.

Wichtig: 135,9 Milliarden Euro pflegerische Leistungen sind nicht gleichbedeutend mit den Ausgaben der sozialen Pflegeversicherung. In der Gesundheitsausgabenrechnung werden pflegerische Leistungen unterschiedlicher Einrichtungen und Finanzierungsträger zusammen betrachtet.

Quelle: Destatis: Gesundheitsausgaben nach Leistungsarten

35Warum steigen die Pflegeausgaben so stark?

Es gibt nicht den einen Kostentreiber. Mehrere Entwicklungen wirken gleichzeitig:

Mehr PflegebedürftigeMehr Menschen haben anerkannte Pflegebedarfe.
Höhere PersonalkostenPflege ist personalintensiv; Löhne und Vergütungen wirken sich stark aus.
Mehr und höhere LeistungenLeistungsverbesserungen und höhere Pflegegeldzahlungen erhöhen die Ausgaben.
DemografieLangfristig wächst der Anteil älterer Menschen mit höherem Pflegebedarf.

Von 2023 auf 2024 stiegen die Ausgaben für pflegerische Leistungen nach Destatis um rund 11,6 %. Genannt werden unter anderem gestiegene Pflegepersonalkosten und höhere Pflegegeldzahlungen.

Steigende Pflegeausgaben sind deshalb nicht automatisch steigende Verschwendung. Sie können zugleich Ausdruck höherer Löhne, ausgeweiteter Leistungen und eines größeren anerkannten Pflegebedarfs sein.

Quelle: Destatis: Gesundheitsausgaben 2024

36Hat die Pflegeversicherung ein Finanzierungsproblem?

Ja – die soziale Pflegeversicherung steht unter erheblichem Finanzierungsdruck.

Der Beitragssatz wurde zum 1. Januar 2025 auf 3,6 % angehoben. Gleichzeitig steigen die Leistungsausgaben weiter. Für 2026 ist zusätzlich ein zinsloses Bundesdarlehen vorgesehen, um die Zahlungsfähigkeit kurzfristig zu stabilisieren.

Ein Darlehen löst ein strukturelles Problem nicht. Es verschafft zunächst Zeit – die langfristige Frage bleibt, wie Einnahmen und Ausgaben wieder dauerhaft zusammenpassen.

Stand Oktober 2026 · RegierungsentwurfDie Bundesregierung hat am 30. September 2026 einen Entwurf zur Neuordnung der Pflegeversicherung beschlossen. Vorgesehen sind Änderungen bei Finanzierung, Leistungen und Unterstützung häuslicher Pflege. Der Entwurf ist noch kein geltendes Recht. Offen bleibt, ob die Maßnahmen die Finanzierung langfristig stabilisieren und wie sich Belastungen verteilen.

Quelle: BMG: Finanzierung der Pflegeversicherung

37Fehlen wirklich Pflegekräfte?

Der Bedarf an professionellen Pflegekräften wird voraussichtlich deutlich steigen. Destatis modelliert für 2049 einen Bedarf von rund 2,15 Millionen Pflegekräften gegenüber 1,62 Millionen im Ausgangsjahr 2019.

Je nachdem, wie sich Berufseintritte, Berufsaustritte und Erwerbsbeteiligung entwickeln, ergibt sich in den Modellrechnungen für 2049 eine rechnerische Lücke von etwa 280.000 bis 690.000 Pflegekräften.

Das sind Modellrechnungen, keine sicheren Vorhersagen. Sie zeigen aber, wie stark das System unter Druck geraten kann, wenn gleichzeitig mehr Pflege benötigt wird und viele Beschäftigte altersbedingt aus dem Beruf ausscheiden.

Quelle: Destatis: Pflegekräftevorausberechnung

38Welche Rolle spielen pflegende Angehörige für die Zukunft des Systems?

Ende 2023 wurden 86 Prozent aller Pflegebedürftigen zu Hause versorgt. Rund 3,1 Millionen erhielten ausschließlich Pflegegeld und wurden überwiegend durch Angehörige gepflegt. Hinzu kommen weitere Formen häuslicher Versorgung, auch mit professioneller Unterstützung.

Wenn die Zahl der Pflegebedürftigen steigt und zugleich professionelle Pflegekräfte knapp sind, wird deshalb eine zentrale Systemfrage immer wichtiger: Wie viel zusätzliche Pflege können Familien überhaupt noch übernehmen?

Die Belastung betrifft nicht nur Zeit und Gesundheit. Pflege kann Erwerbsarbeit einschränken, Einkommen mindern und langfristig die soziale Absicherung beeinflussen. Frauen übernehmen Angehörigenpflege weiterhin besonders häufig.

„Zu Hause gepflegt“ bedeutet nicht automatisch „frei gewählt“. Die Zukunft des Pflegesystems hängt deshalb auch davon ab, wie gut pflegende Angehörige entlastet und sozial abgesichert werden.

Quellen: Destatis: häusliche Pflege · DIW: Angehörigenpflege und Erwerbsarbeit

Angehörigenpflege – private Entscheidung oder gesellschaftliche Aufgabe?

Wer für die Pflege die Erwerbsarbeit einschränkt oder aufgibt, kann Einkommen, berufliche Chancen und spätere Rentenansprüche verlieren. Was wäre, wenn der tatsächliche Verdienstausfall ausgeglichen würde? Dies ist eine offene Systemfrage für die L.S.-Denkwerkstatt, kein derzeitiger allgemeiner gesetzlicher Leistungsanspruch.

39Was haben Pflege, Krankenhaus und Krankenversicherung miteinander zu tun?

Die Systeme sind getrennt organisiert – im Leben eines Menschen greifen sie aber oft unmittelbar ineinander.

Nach einem Krankenhausaufenthalt kann jemand weiterhin medizinische oder pflegerische Unterstützung benötigen oder erstmals pflegebedürftig geworden sein. Deshalb sind Krankenhäuser zum Entlassmanagement verpflichtet und sollen notwendige Anschlussversorgung frühzeitig organisieren.

KRANKENVERSICHERUNGmedizinische Anschlussversorgungz. B. ärztlich verordnete häusliche Krankenpflege oder unter Voraussetzungen Übergangspflege im Krankenhaus
PFLEGEVERSICHERUNGPflegebedürftigkeit nach SGB XILeistungen abhängig von Pflegegrad und Versorgungsform

Pflege nach einem Krankenhausaufenthalt bedeutet deshalb nicht automatisch Pflegeversicherung. Entscheidend ist, welche Art von Unterstützung benötigt wird und welcher Leistungsträger zuständig ist.

Vertiefung: Krankenhausversorgung und Finanzierung betrachten wir im Gesundheitsbereich gesondert.

Quelle: BMG: Entlassmanagement

40Kann Pflegebedürftigkeit verhindert oder hinausgezögert werden?

Zumindest teilweise. Deshalb gilt im Sozialrecht der Grundsatz, Rehabilitation und Prävention auch bei drohender oder bereits bestehender Pflegebedürftigkeit mitzudenken.

Rehabilitation kann helfen, Fähigkeiten wiederzugewinnen oder länger zu erhalten. Auch Sturzprävention, Wohnraumanpassung, Hilfsmittel, Bewegung, die Behandlung chronischer Erkrankungen und soziale Teilhabe können Selbstständigkeit unterstützen.

Bei der Pflegebegutachtung sollen deshalb auch Empfehlungen zu Prävention und Rehabilitation ausgesprochen werden.

Die Systemfrage lautet nicht nur: Wie finanzieren wir Pflege? Sondern auch: Wie können Menschen möglichst lange selbstständig bleiben?

Weiterlesen: Im Systematlas Gesundheit behandeln wir bereits, wie Prävention dazu beitragen kann, Pflegebedürftigkeit zu vermeiden oder hinauszuzögern – und welche Rolle die Pflegeversicherung dabei spielt. Prävention und Pflegebedürftigkeit · Pflegeversicherung und Prävention

Quelle: BMG: Rehabilitation vor und bei Pflegebedürftigkeit

Reformstand Oktober 2026: Im Regierungsentwurf werden unter anderem ein „Check-up 60+“, die Prüfung von Rehabilitationsmöglichkeiten und eine fachliche Pflegebegleitung als Ansätze diskutiert. Ob und in welcher Form diese Maßnahmen umgesetzt werden, bleibt abzuwarten.

41Wie zukunftsfähig ist unser Pflegesystem?

Darauf gibt es keine seriöse Antwort mit einfachem Ja oder Nein.

Mehrere Belastungen wirken gleichzeitig:

mehr Pflegebedürftige → höhere Ausgaben → mehr Personalbedarf → Belastung der Angehörigen → Finanzierungsdruck

Mit dem Regierungsentwurf vom 30. September 2026 liegen konkrete Vorschläge zur Neuordnung der Pflegeversicherung vor. Daneben bleibt die langfristige Finanzierung Gegenstand politischer Arbeit. Ob die vorgesehenen Maßnahmen ausreichen, ist offen.

WichtigDiskutierte Reformoptionen sind nicht automatisch geltendes Recht. Der L.S. trennt deshalb IST-System, politische Vorschläge und tatsächlich beschlossene Änderungen.

Die zentrale Frage lautet: Wie lassen sich gute Pflege, finanzielle Tragfähigkeit, ausreichend Personal und die Belastungsgrenzen von Familien gleichzeitig berücksichtigen?

Quelle: BMG: Zukunftspakt Pflege