SYSTEMATLAS · ÖFFENTLICHER GESUNDHEITSDIENST · BEREICH 04

ÖGD als Systemaufgabe

26Was bedeutet Public Health?

Public Health betrachtet Gesundheit auf Ebene einer Bevölkerung.

Dabei geht es beispielsweise um Fragen wie: Warum treten bestimmte Erkrankungen häufiger auf? Welche Bevölkerungsgruppen sind besonders betroffen? Welche Lebensbedingungen fördern oder gefährden Gesundheit? Welche Maßnahmen könnten Erkrankungen verhindern?

Public Health ist allerdings größer als der ÖGD. Auch Wissenschaft, Politik, Sozialversicherung, Kommunen und andere Institutionen beschäftigen sich damit.

Medizin fragt häufig: Was hilft diesem Patienten? Public Health fragt zusätzlich: Was hält möglichst viele Menschen gesund?

Quelle / Grundlage: Bayerisches Gesundheitsdienstgesetz

27Was ist Verhältnisprävention?

Prävention kann an unterschiedlichen Stellen ansetzen.

Verhaltensprävention richtet sich unmittelbar an Menschen: mehr bewegen, nicht rauchen, ausgewogen essen.

Verhältnisprävention verändert dagegen die Bedingungen, unter denen Menschen leben. Beispiele können Rauchverbote, gesundheitsfördernde Gemeinschaftsverpflegung, sichere Radwege oder Regeln für gesundheitlich problematische Produkte sein.

HEUTE · AKTUELLES BEISPIEL

Zuckersteuer / Abgabe auf zuckerhaltige Getränke

Die Public-Health-Frage lautet: Könnten veränderte Rahmenbedingungen gesundheitliche Risiken in der Bevölkerung reduzieren? Ob und wie eine solche Abgabe eingeführt wird, ist eine politische Entscheidung.

Der ÖGD beschließt keine Zuckersteuer. Public Health kann aber Daten und fachliche Grundlagen für solche Entscheidungen liefern.🟡 Separater Zuckersteuer-Radar aktiv

Quelle / Grundlage: Bayerisches Gesundheitsdienstgesetz

28Was haben soziale Lebensbedingungen mit Gesundheit zu tun?

Sehr viel. Gesundheit wird nicht nur von medizinischer Versorgung beeinflusst.

Auch Einkommen, Bildung, Wohnen, Arbeit, Umwelt, soziale Beziehungen und Möglichkeiten zur Teilhabe können gesundheitliche Chancen beeinflussen.

Deshalb legt der ÖGD besonderes Augenmerk auf sozial benachteiligte, besonders belastete oder schutzbedürftige Menschen.

Wer die Gesundheit einer Bevölkerung verstehen will, darf ihre Lebensbedingungen nicht ausblenden.

Quelle / Grundlage: Bayerisches Gesundheitsdienstgesetz

29Woher weiß der ÖGD, was eine Region braucht?

Durch Gesundheitsberichterstattung, Daten und regionale Beobachtung.

Gesundheitsbehörden sammeln und analysieren Informationen über gesundheitliche Entwicklungen. Damit können beispielsweise regionale Probleme oder besonders belastete Bevölkerungsgruppen sichtbar werden.

Daten allein treffen allerdings noch keine Entscheidung. Sie können aber helfen, bessere Fragen zu stellen: Wo besteht Handlungsbedarf? Welche Gruppen werden schlecht erreicht? Welche Prävention wäre sinnvoll? Wo fehlen Angebote?

Aus Daten wird nicht automatisch eine Lösung – aber ohne Daten bleibt vieles Vermutung.

Quelle / Grundlage: Bayerisches Gesundheitsdienstgesetz

30Was bedeutet „Health in All Policies“?

Der Begriff bedeutet vereinfacht:

Gesundheit sollte auch bei politischen Entscheidungen mitgedacht werden, die außerhalb des klassischen Gesundheitswesens getroffen werden.

Denn gesundheitliche Folgen können beispielsweise durch Verkehrspolitik, Stadtplanung, Bildungspolitik, Umweltpolitik oder Sozialpolitik entstehen.

Ein sicherer Radweg kann Bewegung fördern. Wohnbedingungen können Gesundheit beeinflussen. Schulverpflegung kann Ernährungsgewohnheiten prägen.

Nicht alles, was Menschen gesund hält, geschieht im Gesundheitswesen.

Quelle / Grundlage: Bayerisches Staatsministerium für Gesundheit – Gesundheitsregionenplus

31Was ist eine Gesundheitsregionplus?

BEISPIEL BAYERN

Gesundheitsregionenplus sind regionale Netzwerke, in denen Akteure aus unterschiedlichen Bereichen gemeinsam Gesundheits- und Versorgungsfragen bearbeiten sollen.

Dazu können beispielsweise gehören: Ärzte, Krankenhäuser, Pflege, Prävention, Kostenträger, Selbsthilfe, Verwaltung, Kommunalpolitik und weitere regionale Akteure.

Mögliche Themen sind Haus- und Facharztversorgung, Zusammenarbeit zwischen ambulant und stationär, Pflege, Prävention oder Kinder- und Jugendgesundheit.

Ein regionales Gesundheitsproblem soll nicht nur aus der Perspektive einer einzigen Institution betrachtet werden.

Quelle / Grundlage: Bayerisches Staatsministerium für Gesundheit – Gesundheitsregionenplus

32Welche Rolle soll das Gesundheitsamt künftig bei der regionalen Vernetzung spielen?

Hier verändert sich in Bayern gerade etwas Wichtiges.

Das Gesundheitsdienstgesetz verlangt, dass Gesundheitsbehörden bei der Zusammenarbeit der an Prävention sowie gesundheitlicher und pflegerischer Versorgung beteiligten Stellen koordinierend mitwirken.

Jedes Gesundheitsamt soll dafür bis zum 1. Januar 2027 ein sektorenübergreifendes Netzwerk schaffen. Die Gesundheitsregionenplus werden dafür weiterentwickelt und flächendeckend ausgebaut.

Präventionambulante VersorgungKrankenhausPflegeÖGD
Der ÖGD bekommt damit ausdrücklich eine Rolle an den Schnittstellen des Gesundheitssystems.
🟡 RADAR ÖGD02 · GESUNDHEITSREGIONENplus 2027Aufbau, praktische Arbeitsweise und dokumentierte Ergebnisse beobachten.

Quelle / Grundlage: Bayerisches Gesundheitsdienstgesetz / Gesundheitsregionenplus

33Kann der ÖGD das regionale Gesundheitswesen steuern?

Nein – jedenfalls nicht im Sinne einer zentralen Entscheidungsinstanz.

Ein Gesundheitsamt kann nicht einfach einen neuen Kassenarztsitz schaffen, einem Krankenhaus einen Versorgungsauftrag geben, Pflegeleistungen festlegen oder Entscheidungen einer Krankenkasse übernehmen.

Die jeweiligen Institutionen behalten ihre gesetzlichen Zuständigkeiten. Aber der ÖGD kann zunehmend eine andere Funktion übernehmen: Daten zusammenführen, Probleme sichtbar machen, Akteure vernetzen und Zusammenarbeit koordinieren.

Der ÖGD entscheidet nicht über das gesamte regionale Gesundheitswesen. Aber er kann zu einem Ort werden, an dem Wissen, Akteure und regionale Gesundheitsfragen zusammenlaufen.

Quelle / Grundlage: Bayerisches Gesundheitsdienstgesetz / Gesundheitsregionenplus

34Warum muss der ÖGD auch für Krisen vorsorgen?

Weil gesundheitliche Krisen nicht erst organisiert werden können, wenn sie bereits eingetreten sind.

Eine Epidemie ist das offensichtlichste Beispiel. Dann braucht es bereits Fachwissen, Personal, Meldewege, digitale Systeme, Zuständigkeiten und Kommunikationsstrukturen.

Damit begegnet uns wieder ein Begriff, den wir aus Krankenhaus und Rettungsdienst kennen: Vorhaltung.

Auch der Öffentliche Gesundheitsdienst braucht Fähigkeiten, die hoffentlich nicht jeden Tag in voller Stärke benötigt werden.

Quelle / Grundlage: Bayerisches Gesundheitsdienstgesetz

35Vor welchen Herausforderungen steht der ÖGD?

Nach unserer Bestandsaufnahme lassen sich fünf besonders wichtige Herausforderungen erkennen:

PERSONALFachkräfte gewinnen und haltenFINANZIERUNGStrukturen dauerhaft sichernDIGITALISIERUNGInformationen nutzbar verbindenVERNETZUNGregionale Zusammenarbeit entwickelnGESUNDHEITLICHE UNGLEICHHEITschlechter erreichte Gruppen mitdenken

Für Bayern kommt ab 2027 ein konkreter Prüfstein hinzu:

Werden die Gesundheitsregionenplus tatsächlich zu funktionierenden sektorenübergreifenden Netzwerken – oder existiert die Vernetzung vor allem auf dem Papier?

Genau das beobachten wir im L.S.-RADAR.

Quelle / Grundlage: BMG / Bayerisches Staatsministerium für Gesundheit