Mein Lebenskreis schließt sich

Was wünsche ich mir, wenn mein Leben zu Ende geht?

Wie gehört das Lebensende zur Prävention?

Solange es darum geht, Gesundheit zu erhalten, richtet sich Prävention meist auf ein langes und möglichst selbstständiges Leben. In der letzten Lebensphase kann sich dieses Ziel verändern. Sterben gehört zum Leben. Dann wird es wichtig, festzulegen, was ich mir für meine letzten Tage wünsche – und was nicht.

Selbstbestimmung am Lebensende beginnt nicht erst mit einer Entscheidung über einzelne medizinische Maßnahmen. Sie beginnt mit der Frage, was für mich Lebensqualität, Würde, Nähe, Sicherheit und ein gutes Lebensende bedeuten.

Auch am Ende des Lebens kann ich vorsorgen.

Nicht mehr nur dafür, mein Leben zu erhalten – sondern dafür, dass mein Wille zählt.

Was bedeutet Lebensqualität für mich?

Für den einen Menschen ist möglichst viel gemeinsame Zeit entscheidend, für einen anderen geistige Klarheit oder die Möglichkeit, zu Hause zu bleiben. Manche möchten medizinische Möglichkeiten weit ausschöpfen, andere bestimmte belastende Behandlungen nicht mehr.

Deshalb reicht die Frage „alles tun oder nichts tun?“ nicht. Wiederbelebung, Beatmung, künstliche Ernährung, Krankenhausbehandlung oder Symptomlinderung können je nach Situation sehr unterschiedlich bewertet werden. Entscheidend ist, was ich für mich möchte – und dass ich darüber spreche und rechtzeitig entscheide.

Damit denke ich bereits über mein eigenes Lebensende hinaus: Klare Entscheidungen können auch die Menschen entlasten, die mir nahestehen. Sie müssen dann nicht erst in einer Ausnahmesituation darüber entscheiden, was ich vermutlich gewollt hätte.

Die Patientenverfügung ist bewusst kein einfaches Ankreuzformular: Die Festlegungen sollen möglichst konkret zur eigenen Situation und zu den eigenen Behandlungswünschen passen.

Vorsorge kann auch Fürsorge für andere sein.

Je genauer ich meine Vorstellungen bespreche und festhalte, desto weniger muss ich schwierige Entscheidungen anderen überlassen.

Wie kann ich meinen Willen festhalten?

Mit einer Patientenverfügung kann ein einwilligungsfähiger volljähriger Mensch schriftlich festlegen, welchen bestimmten Untersuchungen, Behandlungen oder Eingriffen er für den Fall späterer Einwilligungsunfähigkeit zustimmt oder welche er ablehnt. Trifft die Festlegung auf die konkrete Situation zu, ist diesem Willen Geltung zu verschaffen.

Eine Vorsorgevollmacht kann zusätzlich festlegen, wer für mich handeln darf, wenn ich es selbst nicht mehr kann. Dabei geht es nicht darum, einem nahestehenden Menschen die Entscheidung über „Leben und Tod“ zu übertragen. Je klarer mein eigener Wille festgelegt ist, desto weniger muss diese Person später meinen Willen erst vermuten. Ebenso wichtig können Gespräche mit Angehörigen, Vertrauenspersonen und behandelnden Ärzten sein. Denn ein Dokument hilft nur, wenn es auffindbar, verständlich und auf die tatsächliche Situation anwendbar ist.

Vorsorge heißt: meinen Willen rechtzeitig besprechbar und auffindbar machen.

Die Patientenverfügung ist ein wichtiges Instrument – aber sie ersetzt nicht jedes Gespräch.

Welche Begleitung und Linderung sind möglich?

Palliative Versorgung richtet den Blick auf Beschwerden und Lebensqualität, wenn eine Erkrankung nicht mehr heilbar ist oder Heilung nicht mehr im Mittelpunkt steht. Schmerzen und andere belastende Symptome sollen gelindert, Ängste aufgefangen und Angehörige einbezogen werden.

Hospizliche und palliative Begleitung sind deshalb nicht gleichbedeutend mit „nichts mehr tun“. Das Ziel der Versorgung verändert sich: Nicht jede mögliche Behandlung muss ausgeschöpft werden, wenn für den Menschen andere Ziele wichtiger geworden sind.

Auch Nicht-Behandeln kann eine bewusste medizinische Entscheidung sein.

Eine Behandlung darf nicht gegen den wirksamen Willen des Patienten fortgeführt werden.

Wie kann ich Abschied bewusst gestalten?

Ein Sterbewunsch berührt persönliche, medizinische, rechtliche und gesellschaftliche Fragen. Deshalb hilft es, zwei Ebenen auseinanderzuhalten: Was ist rechtlich möglich? Und wie kann eine erlaubte Unterstützung praktisch aussehen?

RECHTLICHE FRAGE

Was darf ein anderer Mensch tun?

Das Bundesverfassungsgericht hat 2020 ein Recht auf selbstbestimmtes Sterben anerkannt. Dazu gehört auch die Freiheit, bei Dritten Hilfe zu suchen und freiwillig angebotene Hilfe in Anspruch zu nehmen. Niemand kann jedoch verpflichtet werden, Suizidhilfe zu leisten.

Das Gericht beschreibt Unterstützung nicht nur als den letzten Moment. Sie kann darin bestehen, eine Gelegenheit zur Selbsttötung zu gewähren, zu verschaffen oder zu vermitteln. Die Handlung, die unmittelbar zum Tod führt, muss beim assistierten Suizid aber vom sterbewilligen Menschen selbst ausgehen.

Bundesverfassungsgericht · Urteil vom 26.02.2020 ↗

ORGANISATORISCHE FRAGE

Wie wird aus einem Recht ein erreichbarer Weg?

Ein verfassungsrechtlich geschütztes Recht und ein praktisch organisierter Zugang sind nicht dasselbe. Wer berät? Wer prüft, ob eine Entscheidung freiverantwortlich getroffen wurde? Wer ist bereit zu unterstützen? Und welche Schutzmechanismen braucht es, damit weder ein selbstbestimmter Wunsch verhindert noch ein gefährdeter Mensch vorschnell in seinem Sterbewunsch bestätigt wird?

Gerade bei Menschen, die ihren Willen klar äußern können, körperlich aber nicht mehr in der Lage sind, die letzte Handlung selbst auszuführen, wird diese Grenze besonders sichtbar.

Die entscheidende Grenze in Deutschland

Assistierter Suizid und Tötung auf Verlangen sind rechtlich nicht dasselbe. Nimmt ein anderer Mensch die Tötung auf ausdrückliches und ernstliches Verlangen selbst vor, bleibt dies nach § 216 StGB strafbar.

§ 216 StGB · Tötung auf Verlangen ↗

ANDERSWO ANDERS GEREGELT

Deutschland

Selbstbestimmtes Sterben und freiwillig angebotene Suizidhilfe sind grundrechtlich geschützt. Die letzte zum Tod führende Handlung muss beim assistierten Suizid vom Sterbewilligen selbst ausgehen.

Schweiz

Suizidhilfe ist grundsätzlich möglich, solange die helfende Person nicht aus selbstsüchtigen Beweggründen handelt. Auch die Beschaffung einer tödlichen Substanz kann Hilfe sein; eingenommen werden muss sie vom Sterbewilligen selbst.

Bundesamt für Justiz Schweiz ↗
Niederlande

Unter gesetzlich festgelegten Sorgfaltskriterien können sowohl ärztlich assistierter Suizid als auch Tötung auf Verlangen durch einen Arzt zulässig sein. Ein Anspruch darauf besteht nicht.

Government of the Netherlands ↗

Warum ist das Thema so sensibel? Weil zwei Schutzaufgaben gleichzeitig erfüllt werden müssen: die Selbstbestimmung eines Menschen achten und Menschen schützen, deren Sterbewunsch möglicherweise nicht frei, dauerhaft oder unbeeinflusst entstanden ist. Dazu gehört auch die Frage, ob Krankheit, Abhängigkeit oder das Gefühl, anderen zur Last zu fallen, Druck erzeugen können.

Wer kennt meine Wünsche?

In einer Krise kann innerhalb weniger Minuten entschieden werden müssen – zu Hause, im Rettungsdienst, in der Notaufnahme oder im Krankenhaus. Dann genügt es nicht, dass mein Wille irgendwo aufgeschrieben wurde. Er muss bekannt, auffindbar und auf die konkrete Situation übertragbar sein.

Eine strukturierte gesundheitliche Versorgungsplanung für die letzte Lebensphase nach § 132g SGB V sieht genau solche Gespräche über medizinische Abläufe, mögliche Notfallsituationen und palliative Versorgung vor. Dieses gesetzlich geregelte Angebot richtet sich jedoch an Versicherte in bestimmten Pflegeeinrichtungen und Einrichtungen der Eingliederungshilfe – nicht als allgemeines Angebot an alle Menschen.

Vorsorge wird zur Systemfrage, wenn mehrere Stellen meinen Willen kennen und umsetzen müssen.

Patient, Bevollmächtigte, Angehörige, Ärzte, Pflege, Rettungsdienst und Krankenhaus müssen im entscheidenden Moment zusammenfinden.

L.S.-FRAGE

Woher weiß das System, was ich möchte, wenn ich es selbst nicht mehr sagen kann?

Auch am Ende des Lebens kann ich vorsorgen.

Nicht mehr dafür, mein Leben um jeden Preis zu verlängern, sondern dafür, dass meine Wünsche bekannt sind, Beschwerden gelindert werden und mein Wille zählt.

Sterben gehört zum Leben. Selbstbestimmung auch.

QUELLEN UND GRUNDLAGEN

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